Mehr Anlagen, gleiche Auslastung
Wind onshore in Deutschland 2015 bis 2026: die Erzeugung wächst, aber die Auslastung pro Anlage stagniert
Mehr Anlagen, gleiche Auslastung
Zwischen Anfang 2015 und Anfang 2026 ist die installierte Leistung der Wind-Onshore-Anlagen in Deutschland von 37.701 MW auf 67.693 MW gestiegen. Das ist eine Steigerung um den Faktor 1,80. Die Gesamterzeugung ist mit dem Ausbau ungefähr proportional mitgewachsen – von 68,8 TWh (2015) auf 112,8 TWh (2024). Die Auslastung pro installiertem MW hat sich dabei jedoch nicht verbessert.
Was das in der Praxis heißt, zeigt der Tagesverlauf: Der absolute Spitzentag in über elf Jahren war der 5. Februar 2024 mit 44.186 MW im Tagesmittel. Das sind nur 74 % der damals installierten Leistung. Selbst an dem windstärksten Tag der gesamten Zeitreihe wurde nicht annähernd Volllast erreicht. Die meisten Tage liegen weit darunter, viele unter 10 GW.
Grafik 1: Die blaue Stufenkurve zeigt die installierte Leistung (Nennleistung) zum Jahresanfang. Die lila Fläche zeigt die tatsächliche Erzeugung als Tagesmittel aus stündlichen Werten. Beide Achsen in MW. Datenquelle: SMARD.de (Bundesnetzagentur), CC BY 4.0.
Was ist mit dem Kapazitätsfaktor?
Der Kapazitätsfaktor ist das wissenschaftlich übliche Maß für die Auslastung einer Anlage. Er gibt an, welcher Anteil der theoretischen Maximalerzeugung tatsächlich erreicht wird. Wir haben ihn aus denselben SMARD-Daten für jedes volle Jahr berechnet:
- Mittel über 2015 bis 2025: 20,6 %
- Schwankungsbreite je nach Wetter: 18,1 % (2016) bis 23,6 % (2023)
- Kein klarer Trend nach oben, obwohl die Anlagenflotte um 68 % gewachsen ist
Im Jahresmittel liefert eine deutsche Onshore-Windkraftanlage damit nur etwa ein Fünftel ihrer Nennleistung.
Grafik 2: Jährlicher Kapazitätsfaktor in Prozent der theoretischen Maximalleistung. Die Anlagenflotte wuchs in diesem Zeitraum von 37,7 auf 63,2 GW (plus 68 Prozent), die Auslastung blieb bei rund 21 Prozent. Unter den Balken stehen die installierte Leistung und die Volllaststunden des jeweiligen Jahres. Datenquelle: SMARD.de (Bundesnetzagentur), CC BY 4.0.
Warum bessert sich die Auslastung nicht?
In den letzten elf Jahren wurden Windkraftanlagen technisch deutlich weiterentwickelt: größere Rotoren, höhere Türme, effizientere Generatoren. Trotzdem ist der Kapazitätsfaktor nicht gestiegen. Der Grund liegt nicht an der Technik, sondern am Standort: Die windstarken Lagen in Norddeutschland sind längst weitgehend bebaut. Der Zuwachs der vergangenen Jahre verteilt sich zunehmend auf Schwachwindstandorte in Mittelgebirgen und Binnenland – also dort, wo der Wind weniger weht.
Dieser Effekt ist nicht zufällig, sondern systematisch: bessere Anlagen kompensieren gerade so den Verlust an Standortqualität. Damit ist absehbar, dass auch weiterer Ausbau in Schwachwindgebieten – zum Beispiel im Thüringer Mittelgebirge – die Bilanz nicht verbessern wird. Im Gegenteil: Je weiter man sich von den guten Standorten entfernt, desto höher muss der Kompensationsaufwand sein, ohne dass am Ende mehr Strom herauskommt.
Methodischer Hinweis
Wir vergleichen Tagesmittel mit installierter Leistung in derselben Einheit (MW). Beide Größen beschreiben Leistung. Das Tagesmittel ist die ehrlichste Darstellung dessen, was Wind tatsächlich liefert, weil Strom zu jedem Zeitpunkt verfügbar sein muss, nicht nur im Jahresdurchschnitt. Ein reines Jahresmittel würde die Volatilität verstecken, die für die Versorgungssicherheit entscheidend ist. Der Jahresmittel-Vergleich steht trotzdem im Beitrag: er ist die zweite Grafik.
Quellen und Daten
Daten: Beide Reihen stammen aus SMARD.de (Bundesnetzagentur), abgerufen am 25. April 2026 über die offene JSON-API. Lizenz CC BY 4.0.
- Tatsächliche Erzeugung Wind onshore: SMARD-Filter
4067, Tageswerte als Energiemenge in MWh, umgerechnet in mittlere Tagesleistung MW (Division durch 24 h). - Installierte Leistung Wind onshore: SMARD-Filter
186, jeweils Stand zum Jahresanfang, Quellgrundlage Marktstammdatenregister der Bundesnetzagentur. - Kapazitätsfaktor: Jahresenergiemenge geteilt durch (installierte Leistung x Stunden des Jahres). Volllaststunden: Jahresenergiemenge geteilt durch installierte Leistung.
Reproduzierbarkeit: Die CSV-Rohdaten und die Python-Skripte zum Erzeugen beider Grafiken liegen unten zum Download. Wer die Zahlen prüfen will: SMARD-Datenexport unter smard.de/home/downloadcenter oder direkt über die JSON-API (Dokumentation).
Lizenz dieser Grafiken: CC BY 4.0. Frei nutzbar unter Namensnennung „Bündnis Windwiderstand Thüringen, windwiderstand.de“, Datenquelle SMARD.de (Bundesnetzagentur) ist mit zu nennen.
Anlass
Inspiriert wurde diese Darstellung durch einen Vortrag von Frank Hennig in Schleusingen am 14. April 2026, in dem eine ähnliche Grafik gezeigt wurde. Wir haben die Aussage zum Anlass genommen, die Grafik aus aktuellen öffentlichen Daten selbst neu zu erstellen – mit eigener Datenbasis, eigener Methodik und unter freier Lizenz. Die technische Umsetzung erfolgte mit Unterstützung von Claude (Anthropic). Die Rohdaten und das Skript liegen offen, damit jeder die Zahlen unabhängig nachrechnen kann.
Grafiken und Daten zum Download
Beide Grafiken in mehreren Formaten (PNG, SVG, PDF), die Rohdaten als CSV und die Python-Generator-Skripte zum Selbst-Nachbauen. Frei verwendbar unter CC BY 4.0 mit Quellenangabe Windwiderstand Thüringen und SMARD.de (Bundesnetzagentur).


