Vier Bürgerstimmen nach dem Infoabend in Wasungen
Leserzuschriften zur ThEGA-Veranstaltung am 13. Mai 2026
Die Informationsveranstaltung der Thüringer Energie- und GreenTech-Agentur (ThEGA) am 13. Mai in Wasungen hat vor allem eines gezeigt: Der Widerstand gegen den geplanten Windkraft-Ausbau wächst, und er ist sachlich, fundiert und breit getragen. Im Nachgang haben sich gleich vier Bürgerinnen und Bürger aus der Region mit Leserzuschriften zu Wort gemeldet. Wir geben ihre Stimmen hier mit freundlicher Genehmigung der Verfasser ungekürzt wieder, weil sie genau das einfangen, was an dem Abend im Bürgerhaus „Zum Paradies“ spürbar war.
„Orchestriert von einer professionell geschulten Lobby“
Für die Projektentwicklerin und Branchenkennerin Jasmin Oppitz aus Wasungen markierte der Abend einen Tiefpunkt in der lokalen Debattenkultur:
Während die Bürger einen echten Dialog einforderten, verfestigte sich der Eindruck einer längst entschiedenen Sache, orchestriert von einer professionell geschulten Lobby.
Im Bürgerhaus Paradies prallten Welten aufeinander. Die Bürger verlangten eine ehrliche Auseinandersetzung über die Zukunft ihrer Heimat. Stattdessen entstand bei vielen Teilnehmern das Bild einer psychologisch kalkulierten Inszenierung. Beobachter werteten den Abend als Versuch, den berechtigten Widerspruch und die Bedenken der Bevölkerung lediglich in kontrollierte Bahnen zu lenken und als „Ventil“ zu kanalisieren. Auch die wiederholten Aufforderungen, nur Verständnisfragen zu stellen, werteten viele Besucher als massive Einengung des Themenkreises und bewusste Ausgrenzung der existenziellen Kernfragen der Bürger.
Während Kommunalvertreter suggerierten, man stünde erst am „Anfang des Prozesses“, berichteten Bürger von fortgeschrittenen Fakten. So haben sich Investoren wie Baywa r.e. bereits im nahe gelegenen Friedelshausen in einer Veranstaltung präsentiert. Außerdem endet die Frist zur Stellungnahme zum Regionalplan, welcher am 18.05.2026 veröffentlicht werden soll, bereits am 20.07.2026. Diese Diskrepanz zur offiziellen Darstellung verstärkte den negativen Eindruck, man arbeite am Bürger vorbei.
Laut Kommunalvertreter soll Thüringen rund 6000 bis 7000 Hektar Fläche ausweisen, auf den Landkreis Schmalkalden-Meiningen entfielen davon rund 500 Hektar, plus mögliche zusätzliche Flächen. Eine Bürgerin bemerkte, dass man sich im konkreten Fall eine absolute Flaute-Region ausgesucht hat. Es wurde von kommunaler Seite eingeräumt, dass dies die Projektierer vielleicht nicht interessiere. Auch konkrete Fragen nach Rückbaubürgschaften wurden vom Vertreter der ThEGA und Kommunen nicht vollumfänglich und zur Zufriedenheit der Bürger beantwortet. Der Widerstand der Bürger weitet sich aufgrund der erdrückenden Faktenlage massiv aus. Nicht nur im Landkreis Schmalkalden-Meiningen, in großen und kleinen Orten wie Wasungen, Vachdorf, Meiningen, Schmalkalden und Zillbach formiert sich Protest, sondern auch in ganz Thüringen.
Als Projektentwicklerin und Branchenkennerin legte ich dar, dass neben massiven Immobilienwertverlusten erhebliche gesundheitliche Risiken drohen. Ich verwies weiter darauf, dass der Regionalplan in der Praxis keine zwingende Ausschlusswirkung mehr entfaltet und somit nicht automatisch vor einer zusätzlichen Bebauung schützt und nannte alternative Handlungsmöglichkeiten für Kommunen.
Es bleibt ein fader Beigeschmack und die Ernüchterung über verpasste Chancen zur Klärung existenzieller Kernanliegen der Bürger, aber auch der starke Wille der Bürger, ihre Gesundheit und Heimat vor den Risiken des Windkraftausbaus zu schützen.
Jasmin Oppitz, Wasungen
„Entscheidungen, bevor eine echte Bürgerbeteiligung stattfindet“
Ähnlich äußert sich Holger Heinze, Mitglied der Bürgerinitiative in Vachdorf:
Die geschilderten Inhalte bestätigen den Eindruck, dass berechtigte Bedenken der Bevölkerung bislang nicht ausreichend berücksichtigt werden. Die betroffenen Menschen fühlen sich zunehmend übergangen. Obwohl es sich um tiefgreifende Eingriffe in Natur, Landschaft und Lebensqualität handelt, entsteht der Eindruck, dass Entscheidungen bereits weitgehend vorbereitet sind, bevor eine echte Bürgerbeteiligung stattfindet.
Informationsveranstaltungen einseitiger Art (durchgeführt von der ThEGA) allein reichen nicht aus, wenn zentrale Fragen unbeantwortet bleiben oder Kritik lediglich zur Kenntnis genommen wird. Besonders problematisch ist die mögliche Zerstörung gewachsener Natur- und Erholungsräume. Viele Bürger befürchten zurecht, dass dadurch nicht nur Natur, sondern auch der Erholungswert der Region nachhaltig geschädigt wird. Hinzu kommen offene Fragen hinsichtlich Lärmes, Schattenwurf und möglicher gesundheitlicher Auswirkungen. Auch wenn gesetzliche Grenzwerte eingehalten werden sollen, nehmen viele Anwohner die Sorgen der Betroffenen als nicht ernst genug behandelt wahr. Wer unmittelbar neben solchen Anlagen lebt, trägt die Belastung täglich, während wirtschaftliche Vorteile häufig bei Investoren oder überregionalen Unternehmen verbleiben.
Darüber hinaus bestehen erhebliche Zweifel an der tatsächlichen Effizienz und Versorgungssicherheit der Windkraft. Gerade in Südwestthüringen wird von Kritikern darauf hingewiesen, dass viele der vorgesehenen Flächen als windschwache Gebiete gelten. Damit stellt sich die berechtigte Frage, ob der massive Eingriff in Natur und Landschaft überhaupt in einem sinnvollen Verhältnis zum tatsächlichen Energieertrag steht. Zudem beobachten viele Bürger mit Sorge die wirtschaftliche Entwicklung in der Windkraftbranche. In den vergangenen Jahren kam es wiederholt zu Insolvenzen von Projektierern, Betreibern und Zulieferern im Bereich der Windenergie.
Dies verstärkt die Befürchtung, dass Kommunen und Bürger sowie Verpächter am Ende mit den Folgen problematischer Projekte oder unklarer Rückbauverpflichtungen allein gelassen werden könnten. Positiv hervorzuheben ist das Engagement von Wasungens Bürgermeister Kästner, der sich sichtbar um einen sachlichen Dialog und eine vermittelnde Rolle zwischen Bürgern, Verwaltung und Planungsverantwortlichen bemüht hat. Er hat den Austausch gesucht und die Sorgen der Bevölkerung ernst genommen. Gleichzeitig bleibt jedoch die Kritik bestehen, dass die Information zu spät begonnen hat. Gerade bei Projekten mit solch weitreichenden Auswirkungen hätte die Bevölkerung deutlich früher eingebunden werden müssen.
Besonders wichtig ist deshalb der Hinweis, dass die öffentliche Beteiligung zur Auslegung des Regionalplans Südwestthüringen nur im Zeitraum vom 18. Mai 2026 bis einschließlich 20. Juli 2026 möglich ist. Dies ist möglicherweise die letzte Gelegenheit für Bürgerinnen und Bürger, ihre Einwendungen, Stellungnahmen und Bedenken offiziell einzureichen und Einfluss auf die weitere Planung zu nehmen.
Holger Heinze, Vachdorf
„Wir Bürger haben ein Recht darauf zu erfahren, was vor unserer Haustür geplant ist“
Liselotte Hartmann aus Wasungen war beim Informationsabend dabei und macht deutlich, dass die Veranstaltung vor allem neue Fragen aufgeworfen hat:
Die Veranstaltung hat bei mir vor allem viele neue Fragen geweckt. Nach dem Abend habe ich mich informiert und erst dabei realisiert, wie risikoreich das Ganze tatsächlich ist. Es ist sehr schade, dass der Zeitungsbericht manche Bedenken, die geäußert wurden, so aus dem Kontext gerissen hat. Gerade von der Dame, die im Saal über die gesundheitlichen Risiken sprach, hätte ich gerne noch viel mehr gehört. Im Raum kam so viel Wichtiges zur Sprache, von dem man sonst kaum etwas erfährt. Ich möchte jetzt einfach mal ganz genau wissen: Wie viele Windräder sollen hier maximal gebaut werden, gibt es eine Obergrenze? Und wie hoch sollen sie am Ende werden? Ich habe gelesen, dass es mittlerweile schon Anlagen gibt, die über 300 Meter hoch sind. Bei uns im Saal wurde dazu aber nichts Konkretes gesagt. Ich finde, wir Bürger haben ein Recht darauf zu erfahren, was genau vor unserer Haustür geplant ist.
Die Bürgermeister von Wasungen und Schmalkalden haben eine zweite Veranstaltung zugesichert, und die ist auch bitter nötig. Denn an dem Abend wurde auch erwähnt, dass die Frist für unsere Einwände bereits am 20. Juli ausläuft. Warum werden diese wichtigen Informationen von der Stadt erst jetzt so kurz vor knapp herausgegeben? Wann findet diese nächste Veranstaltung statt und kommen da auch mal Kritiker zu Wort, wie die Dame oder der Herr, der sagte, dass es schon Pleiten unter den Windradfirmen gibt?
Liselotte Hartmann, Wasungen
„Sorgen sind keine Stimmungsmache“
Für Albrecht Lorenz aus Schwallungen hat das Resümee der Bürgermeister, die erklärten, dass „Stimmungsmache wie hier geschehen“ der Sache nicht dienlich ist, einen faden Beigeschmack:
Sorgen um die Gesundheit, den Werterhalt des mühsam erarbeiteten Immobilieneigentums sowie einer intakten Natur sind keine Stimmungsmache, sondern müssten bei jedem Bürgermeister/Gemeindevertreter an oberster Stelle stehen. Leider ist das Gegenteil der Fall. Sorgen werden ignoriert, kleingeredet oder als Verschwörungstheorie abgetan.
Das Verhalten ist nicht neu, man bekommt das Gefühl, der Bürger soll die internen Geschäfte nicht stören. Auch die Aussage von Herrn Kästner: „Für mich wurde klar, dieses Format hat den Wasunger Bürgern nicht so viel gebracht“, spricht Bände. Den interessierten Bürgern hat diese Veranstaltung eine Menge an Erkenntnissen gebracht, daher auch der häufige Applaus bei Redebeiträgen aus dem Publikum. Für die Bürgermeister hat sich allerdings gezeigt, dass sie mit begründetem Widerstand zu rechnen haben. Das hatten sie nicht erwartet. Wenn es zu brenzlig wurde, sind sie ausgewichen auf Unwissenheit. Insofern ist die Aussage der Bürgermeister vom Anfang der Veranstaltung nur Rhetorik, man wolle „transparent und so früh wie möglich die Bevölkerung einbeziehen“. Wenn man das gewollt hätte, wären sie schon vor Jahren proaktiv auf die Bürger zugegangen und hätten sie wirklich neutral über das Für und Wider solcher Anlagen informiert und einen echten Dialog gesucht.
Auch die behauptete Neutralität der ThEGA entpuppte sich sehr schnell als einseitig, denn die Aussage „Die Interessen der Region bestmöglich gewahrt zu wissen“ bezog sich ausschließlich auf die potenziellen Grundstücksverpächter. Aber selbst die würde man noch ins offene Messer laufen lassen, wie ein Teilnehmer kurz skizzierte. Kopfschütteln löste die Aussage nach der Rückbaurücklage aus. 6,5 Prozent der Investitionssumme, ohne Inflationsanpassung, sind eine Farce. Schon heute würde der vollständige Rückbau einer Monsteranlage ca. 1 Mio. Euro kosten. Wenn man diese Summe über die ca. 20 Jahre inflationiert, kann sich jeder ausrechnen, wie groß die Deckungslücke ist. Und wer bezahlt diese dann, der Grundstücksverpächter oder Steuerzahler.
Man sieht an den wenigen oben genannten Kommentaren und Beispielen, eine ehrliche Bewertung solcher Anlagen zeigt das wahre Ausmaß des bevorstehenden Desasters. Wie ein Teilnehmer bemerkte: Wenn die Dinger so toll wären, wie man uns glauben machen will, würde sie doch jeder haben wollen.
Albrecht Lorenz, Schwallungen
Vier Stimmen, ein Befund
Vier Verfasser, vier Perspektiven, ein gemeinsamer Nenner: Die Sorgen der Menschen vor Ort sind sachlich begründet, sie betreffen Gesundheit, Natur, Eigentum und die wirtschaftliche Tragfähigkeit der Anlagen, und sie wurden an dem Abend nicht ausgeräumt. Genau deshalb zählt jetzt jede einzelne Stimme im Verfahren.
Die öffentliche Auslegung des 2. Entwurfs des Regionalplans Südwestthüringen läuft seit dem 18. Mai 2026. Bis zum 20. Juli 2026 können alle Bürgerinnen und Bürger ihre Stellungnahme einreichen. Wer jetzt nicht widerspricht, akzeptiert. Wie man eine wirksame, ortsbezogene Stellungnahme formuliert und welche Schreibtage das Bündnis dafür anbietet, steht in unserem Beitrag Auslegung des Regionalplans hat begonnen.
Die vier Leserbriefe wurden mit freundlicher Genehmigung der Verfasserinnen und Verfasser veröffentlicht. Sie erschienen zunächst unter dem Titel „Es bleibt ein fader Beigeschmack“ am 19. Mai 2026 bei insüdthüringen.de. Die Wiedergabe gibt die Auffassung der jeweiligen Verfasser wieder.

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